| aus: (SZ vom 4.4.2002) |
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Der Masada-KomplexVon Johannes Willms |
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Mein
Recht, dein Recht: Zur Morphologie des Nahost-Konfliktes
Eine charakteristische Signatur der Neuzeit ist, dass kriegerische
Konflikte zwischen Staaten und Völkern nicht allein mit Waffen
ausgetragen werden, sondern vor allem auch mit Argumenten, mit
Erinnerungen und Erwartungen. Das trägt entschieden dazu bei, dass
neuzeitliche Auseinandersetzungen weltanschaulich überhöht werden. Eine
Illustration dafür liefern jene blutigen Auseinandersetzungen im Herzen
Afrikas, bei denen es im Kern um die Auseinandersetzung zwischen Bandenführern
geht, die sich rohstoffreiche Regionen streitig machen. Um ihre schnöde
Habsucht zu bemänteln, verkleiden sich die Bandenführer mit allerhand
ideologischen Kostümfetzen, die im Fundus der ehemaligen Kolonialmächte
reichlich vorhanden sind. Dieses Tun folgt einer eigenen Logik, denn das nackte Streben nach
Macht ist von so kahler Selbstzweckhaftigkeit, dass man damit die Weltöffentlichkeit
leicht gegen sich aufbrächte. Deshalb gilt die Regel, dass jeder Konflikt
um eines idealen Ziels willen geführt werden muss und ginge es in seinem
Kern auch nur um Weidegründe oder Diamantenlager. Mit diesen idealen
Motiven hat man in Europa seit den Revolutionskriegen im späten 18.
Jahrhundert so viele Erfahrungen sammeln können, dass man darüber nach
der Mitte des 20. Jahrhunderts langsam zu einer besseren Einsicht
gelangte, auch wenn man sich zunehmend die bange Frage vorlegen muss, ob
dies wirklich von Dauer ist. Der Dreißigjährige Krieg hat zwar die
religiös überformten Kämpfe zwischen den europäischen Staaten beendet,
aber an deren Stelle traten die erbdynastischen Auseinandersetzungen, die
das „gute Recht“ im Panier führten und kaum weniger verheerend waren.
Diese wurden von den Volkskriegen abgelöst, in denen ein Nationalismus
gegen den anderen total mobil machte. Schwer zu sagen, im Zeichen welcher
Mode künftige Konflikte ausgetragen werden. Nord gegen Süd? Arm gegen
Reich? Orient gegen Okzident? Der derzeit tobende und sich stetig verschärfende Konflikt im Nahen
Osten ist deshalb so überaus kompliziert und widersetzt sich damit
einfachen Lösungen, weil er in seltsamer Gleichzeitigkeit Elemente aller
typologisch- historisch beschreibbaren Konfliktmuster und
Rechtfertigungsformen birgt. Einerseits ist er ein Konflikt zwischen zwei,
wenn nicht drei monotheistischen Hirtenreligionen – Juden, Christen und
Muslimen –, die auf die Exklusivität ihres Erlösungsanspruchs pochen
und von denen jede behauptet, den „wahren“ Glauben zu repräsentieren.
Zum anderen ist es ein Kampf um das „gute Recht“, aus dem Ausschließlichkeitsansprüche
abgeleitet werden, die sich in der Region mythologisch bis in alle Anfänge
zurückverfolgen lassen. Schließlich ist es ein Konflikt, in dem zwei
Nationalismen einander das schlichte Existenzrecht bestreiten. Das ist aber nur die eine Schicht des Konflikts. Eine andere ist, dass
hier ein demokratisch legitimierter und organisierter Staat (Israel) sein
Gewaltmonopol der regulären Armee dazu nutzt, um die politischen
Geltungsansprüche eines Volkes (der Palästinenser), von denen er sich in
seinem Bestand bedroht sieht, mit militärischen Mitteln außerhalb des
eigenen Staatsgebiets zu verfolgen. Dieses Vorgehen wird damit
gerechtfertigt, dass jene Ansprüche nicht nur politisch, sondern vor
allem mit terroristischen Anschlägen auf israelische Zivilisten von Basen
aus vorgetragen werden, die außerhalb des völkerrechtlich anerkannten
israelischen Hoheitsgebiets liegen. Im klassischen Verständnis handelt es sich dabei also um einen Krieg,
dessen Folge eine Spirale der Vergeltung ist, dem aber eine besondere Tücke
eignet: Je länger und schneller sich diese Spirale dreht, desto
deutlicher kommt eine Asymmetrie zum Vorschein, die sich im
Ungleichgewicht der Opferbilanzen ebenso abbildet wie im Ungleichgewicht
der eingesetzten Machtmittel und die auf eine Konfrontation zwischen Macht
und Ohnmacht hinausläuft. Die konkrete Anschauung dafür liefern jetzt
die Bilder vom Wüten des israelischen Militärs, das damit endgültig
seinen Ruf ruiniert. Je deutlicher sich diese Asymmetrie jedoch darstellt,
desto mehr ist sie geeignet, den Anspruch Israels, sein Handeln sei die
legitime und einzig Erfolg versprechende Antwort auf den Terrorismus,
auszuhöhlen. Das Recht, das Israel für sich dabei in Anspruch nimmt und
das lange Zeit fraglos anerkannt wurde, verwandelt sich so in eine
Erkenntnis, die denselben Anspruch als Unrecht wahrzunehmen beginnt. Dabei
handelt es sich um den Prozess einer vermutlich rasch sich dynamisierenden
Erosion mit unabsehbaren und weit über das Konfliktgebiet
hinausreichenden Folgen. Mutwillig beschleunigt wird dieser Prozess durch
die Wurschtigkeit einer israelischen Regierung, die alle Mahnungen des
UN-Generalsekretärs, der UN-Vollversammlung oder des Weltsicherheitsrats
nicht einmal mehr diplomatisch-symbolisch zur Kenntnis zu nehmen gewillt
ist. Aber selbst diese Perspektive, die unabsehbar die Gefahr birgt, dass
der regionale Konflikt entgrenzt wird, scheint ein politisches Kalkül
beider Seiten zu sein, die darauf ihre Siegeshoffnungen gründen. Eine
schauderhafte Aussicht, weil damit eine friedliche Lösung zur Illusion
wird. Offenkundig jedenfalls ist, dass die Palästinenser mit diesem Kalkül
die Erwartung verbinden, ihre machtpolitische Schwäche in eine moralisch-
politische Stärke zu verwandeln, die ihren Gegner auf die Dauer in den
Augen der Weltöffentlichkeit derart ins Unrecht setzt, dass dieser sich
bei der staatlichen Selbstbehauptung nur noch auf Gewalt ohne Recht, also
auf Willkür, sowie die politische, militärische und finanzielle Schützenhilfe
der USA stützen kann. Dieser Kalkulation entspricht es, dass die Palästinenser
bislang keinen halbwegs diskussionswürdigen politischen Lösungsvorschlag
unterbreitet haben. Auf perverse Weise scheint sich dieses Kalkül der Palästinenser mit
dem Israels zu decken. Das lässt sich als Massada-Komplex beschreiben,
nach jenem heroischen Verteidigungskampf, als im jüdischen Krieg die
Bergfestung Massada 73 n.Chr. bis zum letzten Mann gegen die Römer
verteidigt wurde. Dieser Massada-Komplex ist die irrationale Rationale,
die den jüdischen Siedlern in Cis-Jordanien und in Gaza ihren militanten
Selbstbehauptungswillen einstiftet, dem jede Kostenfrage fremd ist.
Gleichzeitig prägt er aber auch die politische Handlungslogik der
derzeitigen israelischen Regierung wie die ihrer Vorgängerinnen, die
keinen Beitrag dazu leisteten, den mit dem Oslo- Abkommen angestoßenen
Friedensprozess voranzutreiben. Stattdessen flüchtete man sich in einen
historisch ableitbaren Opferstolz. Der puffert seine politische
Inflexibilität religiös ab und immunisiert sich damit wirkungsvoll gegen
Einreden, die auf Vernunft plädieren. Gleichzeitig wurde von den
Regierungen zwar nicht die Zahl der jüdischen Siedlungen auf palästinensischem
Gebiet vermehrt, aber die dort bereits bestehenden Kolonien wurden mit
aller Entschiedenheit ausgebaut. Außerdem wurde deren exklusive
infrastrukturelle Verknüpfungen mit dem Mutterland derart verbessert,
dass das so zerrissene und zersplitterte Restgebiet sich nicht mehr zu
einer lebensfähigen staatlich- territorialen Einheit zusammenfügen lässt. Ein Schelm, der hinter solchem Treiben nicht planende Absicht erkennte.
Das erklärte Ziel ist ein jüdischer Staat, in dem nur derjenige ein mit
allen demokratischen Rechten und Pflichten ausgestatteter Vollbürger ist,
dem das Schicksal eine jüdische Mutter beschert hat. Alle anderen –
wohlgemerkt im Sinne einer religiösen, nicht rassistischen Definition –
haben allenfalls den Status von geduldeten Metoiken: Absicht ist eine
staatliche Existenz, die sich auf religiös definierte Exklusivität gründet
und nicht auf eine Koexistenz zu gleichen Bedingungen für alle, die
beispielsweise das „gute Recht“ auf Heimat, das auch die Palästinenser
in dieser Weltgegend für sich beanspruchen können, respektiert. Wenn
jeder jedoch aus diesem „guten Recht“ den Anspruch auf sein alleiniges
Lebensrecht in dieser Region für sich durchsetzen will, wird dieser
Konflikt bis ans Ende aller Tage fortdauern. Behaupte dann nur keiner, er
sei damit im Recht. JOHANNES WILLMS |
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