Auschwitz

.Angst - Ich lebe

von Ingeborg Michael

 

index.gif (4845 Byte) Zurüch zur Auswahl: Gedichte von I. Michael
1

Der Krieg ist AUS.
Der Krieg ist aus.
Vorbei !
Vorbei der Mord.
DER KRIEG IST AUS.
Ich lebe.

Ich lebe.
Der Mordbefehl,
Er wurde nicht vollstreckt.
ICH LEBE.
Der Krieg ist aus
Und ich lebe.

Nun will ich leben -
Und zeigen, wie man lebt.
Voll Lust und Kraft
Und Mitleid
Mit dem Menschenbruder --
Der Schwester neben mir.

2

Noch dröhnen die Granaten,
Platzen die Kugeln,
Knattern die Maschinengewehre.
Die Trümmer zittern von Panzern
Mit offenen Türmen
Und lachenden Sovietsoldaten.

Ich lebe
Und das ist der 1. Mai.
Die Büsche der Forsytien
Blühen in üppiger Pracht.
Das große Morden --
der Tod, er ist vorbeigegangen.

Ich lebe --
Und brauche keine Angst zu haben.
Kann man keine Angst haben?
Die Angst vergessen?
Sie mit den Trümmern
Tief in die Bombenkrater schaufeln?

3

Sowie die Straßen von Schutt befreit wurden
Verstecke ich die Trauer, die Scham
In tiefste Löcher.
Vergrabe die Angst
In die dunkelsten Ecken des Herzens.
Vergessen!

Der Krieg ist aus. 
Ich will das Neue, 
Schöne, Frohe, Helle sehen. 
Zu lange wurde ich vom Tod 
Und von der Angst bedrängt. 
Ich lebe.

Da liegt die Angst 
Verschüttet bis heute. 
Wie ich damals, in jenem Keller. 
Aus Trümmern konnte 
Ich mich befreien - 
Und Leben.

4

Doch der Haufen 
Der vielen Todesängste 
Liegt zu Steinen verklumpt 
Auf meiner Seele, 
Drückt mein Herz ab. 
ANGST.

Der Fluß meines Lebens 
Floß über alle Steine. 
Und das Wasser war klar. 
Denn vorsichtig glitt ich 
Über den Schlamm, die Steine.
Angst, die Angst aufzurühren.

Fragen wurden nicht gestellt.
Manchmal löste sich ein Stein. 
Es rumpelte. 
Das Wasser trübte sich. 
Und die Menschen 
Verließen mich gestört.

5

Habe ich 50 Jahre versäumt 
Die Steine zu heben? 
Mir in Wahrheit
Die Angst, die Scham, die Verletzungen, 
Die Demütigungen anzusehen. 
Von Menschen, Meinesgleichen, mir zugefügt.

50 Jahre danach 
Muß ich mich erinnern, 
Wie ich auf der Straße war - 
Gezeichnet - 
Erkennbar für alle. 
Ohne jedes Recht.

Jeden Moment von jedermann
Beleidigt zu werden. 
Jeden Moment von Mördern 
Getötet zu werden, 
Die einen Monatslohn
Für ihre Taten bekamen. 

6

Sie bekommen noch heute
Die Rente, -
Auf Heller und Pfennig- 
Als Mörder oder Gehilfe, 
Für ihr 12-jähriges 
Mörderdasein.

Sie bekommen 50 Jahre, 
Bis jetzt, ihr Gehalt auf ein Konto 
Für das Töten und Töten helfen 
Meiner Mutter, meiner Großmutter, 
Den Großvater, für die Schwester, 
Für Tanten und Onkel.

Die Mörder leben 
Noch heute vom Tod der Meinigen. 
Bekommen ihren Lebensunterhalt 
Für den Mord an meinen Freunden 
Und an allen die ich kannte 
Und nicht kannte.

7

Und ich lebe. 
Wie starben die Meinen? 
Was wurde mir angetan. 
Nicht erinnern wollen. 
Nicht vergessen können. 
Ich lebe mit den Mördern.

Ich lebe! 
Das Leben fließt weiter 
Dem Ende entgegen. 
Über den Schlamm der unterdrückten Trauer 
Und den Schmerzenssteinen. 
Die Angst ist da.

index.gif (4845 Byte)
Zurüch zur Auswahl: Gedichte von I. Michael
 

 

 

 

 

 

kindt_kl.gif (1290 Byte)